Der RHÖN-KLINIKUM Campus in Bad Neustadt ist eng mit dem Namen Sebastian Kerber verbunden. In diesem Jahr kann der Herzspezialist ein besonderes Jubiläum feiern. Vor 25 Jahren kam er als Chefarzt der Klinik für Kardiologie I nach Bad Neustadt. Seitdem hat er die Kardiologie am Campus maßgeblich geprägt und weiterentwickelt – hin zu einem überregional anerkannten Zentrum für die Behandlung von Herz- und Gefäßerkrankungen. Seit 2022 ist er Ärztlicher Direktor am RHÖN-KLINIKUM Campus in Bad Neustadt. Im Interview mit der Main-Post erläutert er die Fortschritte in der Herzmedizin in den vergangenen Jahren und wirft einen Blick in die Zukunft.
25 Jahre Kardiologie – was war Ihr innerer Antrieb, ausgerechnet dieses Fach zu wählen?
SEBASTIAN KERBER: Eigentlich wollte ich Musiker – Violinist – werden. Aus berufenem Mundwurde mir jedoch geraten, das nicht zu tun. Der Beruf Arzt interessierte mich, weil es eineTätigkeit mit sozialen Kompetenzen ist, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. In derSchule hat mich im Biologieunterricht das Thema Herz von Anfang an sehr gefesselt. Dieses„Pumpensystem“ mit zwei parallel geschalteten Kreisläufen zu verstehen, fand ichfaszinierend. Ich habe dann in Münster Humanmedizin studiert und meine Famulaturen oftin der Herzabteilung absolviert. Besonders gefi el mir das Visualisieren des Organs.
Gibt es einen Moment in diesen 25 Jahren, in dem Sie dachten: „Dafür mache ich diesen Beruf“?
KERBER: „1000 Mal.“ Das sind medizinische Momente, in denen man etwas schafft, das schwierig ist. Bei denen man sehr gefordert ist und auch kein Ausweichkonzept hat. Es gibt aber auch die Momente, in denen man viel Dankbarkeit von Patienten und Angehörigen vermittelt bekommt. Ich bekomme heute noch von ehemaligen Patienten selbst gestrickte Socken zu Weihnachten.
Welche Innovation der letzten Jahrzehnte hat aus Ihrer Sicht die Sterblichkeit oder Lebensqualität Ihrer Patientinnen und Patienten am stärksten verbessert?
KERBER: Der akute Herzinfarkt ist heute nicht mehr automatisch ein Todesurteil, wenn der Patient rechtzeitig in eine Klinik mit Katheterlabor kommt. Die Herzleistungsschwäche ist erfreulicherweise mit sehr effektiven Medikamenten um Längen besser behandelbar. Bei der Koronaren Herzerkrankung, also der Verengung der Herzkranzgefäße, sind die Katheterverfahren so gut geworden, dass häufig auf eine Herzoperation verzichtet werden kann. Extrem bereichert wurde die Kardiologie zudem durch die moderne Bildgebung. Mittels CT und MR verstehen wir heutzutage Krankheitsbilder erst vollständig. Entscheidendist außerdem, dass wir dem älteren, schwer kranken Patienten heute mit einer minimal-invasiven Behandlung, gerade bei der Therapie von Herzklappenerkrankungen,kathetertechnisch behilflich sein können.
Wo erleben Sie die größten Engpässe: Personal, Betten, Notaufnahme, Nachsorge?
KERBER: In ganz Deutschland herrscht ein Mangel an ausgebildeten Intensivschwestern und -pflegern. Auch bei uns. Wir bräuchten mehr Fachkräfte. Zudem werden die Notaufnahmen stark frequentiert. Das alte System, bei dem Patienten zunächst zum Hausarzt gehen, funktioniert längst nicht mehr überall: Immer mehr Menschen mit Bagatellerkrankungen wählen den direkten Weg in die Notaufnahme. Schwierig ist es auch, zeitnah einen Platz in einer Rehabilitationsklinik zu bekommen. Noch schwerer wird es im Bereich Geriatrie.
Wenn Sie der Gesundheitspolitik einen Satz „unter vier Augen“ sagen dürften: Was läuft aktuell in der Herzversorgung falsch – und warum?
KERBER: Eine sehr effektive, wissenschaftlich begleitete Qualitätsoffensive wäre in allen Bereichen der Medizin wichtig. Bei gesundheitspolitischen und ökonomischen Maßnahmenmuss an erster Stelle die Qualität der Versorgung stehen. Wenn eine Einrichtung nachweisen kann, dass die Qualität exzellent ist, macht es auch Sinn, diese zu erhalten und zu fördern. Ein zweiter Aspekt: Was das Langzeitüberleben und die effektive Kontrolle von Risikofaktorenangeht, sind wir nicht auf „Platz 1“: Wir sind in Deutschland nicht gut in der Umsetzung von Prävention, der Vorbeugung von Erkrankungen. Das hat viele Gründe. Zuerst ist dieVergütung nicht so, dass sich die Kollegen dafür Zeit nehmen können. Zweitens bringen wirdas Thema medial nicht richtig auf die Straße.
Welche digitalen Lösungen, zum Beispiel bessere Vernetzung mit Hausärzten, Nachsorge oder digitale Reha, halten Sie für sinnvoll?
KERBER: Hier am RHÖN-KLINIKUM Campus in Bad Neustadt wurde in enger Kooperation mit dem Universitätsklinikum Marburg die sogenannte Sektor-HF-Studie konzipiert und begleitet. Das ist eine Studie, bei der Patienten mit einer Herzleistungsschwäche in einem digitalen Netzwerk zwischen Klinik und niedergelassenen Ärzten betreut werden. In dieser Studie zeigt sich, dass Patienten – digital so zwischen den Versorgungspartnern vernetzt – besser zurechtkommen, länger leben und weniger Symptome haben. Das Konzept hat sich in der Praxis bewährt. Wir haben heute viele „medizinische Player“: Krankenhaus, Allgemeinmediziner, Facharzt, Hausarzt, Fachzentren, Rehabilitation, Physiotherapie. Wenige Patienten haben nur eine Erkrankung. Ich plädiere dafür, digitale Netzwerke zu nutzen, um die vielen Facetten eines Patienten allen Playern zugänglich zu machen – und zwar per Knopfdruck. Davon sind wir noch entfernt.
Wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre schauen: Welche Entwicklung wird die Kardiologie am stärksten verändern – und welche macht Ihnen eher Sorgen?
KERBER: Es braucht sehr gute Lösungen für schwerstkranke, ältere Patienten. Vor allem für die, die sozial nicht eingebunden sind. Das muss auch die Kardiologie im Auge behalten. Nur eine Herzklappe zu reparieren, löst noch nicht das Problem, dass der erkrankte Menschdarüber hinaus langfristig Unterstützung benötigt. Wenn die Prävention nicht besser wird, haben wir in den nächsten Jahrzehnten viele jüngere Menschen, die viel zu früh krank und damit Patient werden. Wir müssen sicherstellen, dass unser Gesundheitssystem ökonomisch stabil bleibt, sodass wir uns nicht beschränken müssen. Ich möchte nicht, dass wir jemandem eine Therapie vorenthalten, nur weil das Geld nicht da ist. Das ist unethisch, macht mir aber Gedanken, weil die Kosten steigen.
Was machen Sie am liebsten, wenn Sie nicht arbeiten?
KERBER: In meiner Freizeit umgebe ich mich gerne mit meiner Familie. Außerdem beschäftige ich mich leidenschaftlich gerne mit der Musik und spiele Violine. Ich kann mich für besondere Instrumente sehr begeistern und schätze meine Freunde, die mich inspirieren, gerade weil sie aus ganz anderen Welten kommen.
Zum Schluss persönlich: Was möchten Sie irgendwann hinterlassen – im Team, im Haus, vielleicht auch in der Region?
KERBER: Das klingt nach Stolz. Das ist eigentlich nicht so meine Emotion. Es würde mich freuen, wenn viele Patienten spüren oder gespürt haben, dass wir uns kompetent und menschlich um sie kümmern. Mich persönlich würde es freuen, wenn viele Mitarbeiter sehen, dass ich sie sehe. Und es würde mich freuen, wenn viele bei mir und uns nachhaltig gelernt haben und wenn ich in bestimmten Facetten meiner Persönlichkeit für viele ein Vorbild war oder bin. Das wäre mir wichtig. Das ist das, was mich antreibt und wonach ich strebe. Noch einige Jahre hier in Bad Neustadt.
Von Sigrid Brunner – MAINPOST (25.02.26)