EINE HAND VOLL

Hoffnung

Bei einem Arbeitsunfall wurde Christoph Dinkel an Arm und Hand schwer verletzt. Langsam kämpft er sich zurück in den Alltag.

„Ich will nach Bad Neustadt. Und der Arm bleibt dran.“ Diese zwei Sätze sagt Christoph Dinkel immer wieder zu seinen Kollegen, so lange, bis der Notarzt kommt und ihm ein Beruhigungsmittel gibt. An diesem folgenschweren Tag will er an seinem Arbeitsplatz, einem Sägewerk, eine Maschine reparieren: Das Förderband, das Hackschnitzel transportiert, ist stehengeblieben. Dinkel schaltet die Maschine aus und greift hinein, um die Kette zu spannen. Doch die macht unerklärlicherweise einen Satz nach vorn. Dinkels Handschuh verklemmt sich, sein Arm wird bis zur Achsel in die Maschine hineingezogen. „Ich dachte, mein Arm wird abgerissen.“ Wie lang es wirklich gedauert hat, bis der Notarzt kommt und ihn befreit, weiß er nicht. „Angefühlt hat es sich wie fünf Stunden.“


Heute, sieben Wochen später, schaut er in der Reha-Abteilung der Handchirurgie in Bad Neustadt auf seine Hand und ist zuversichtlich: „Man weiß nicht, ob die Kraft wieder ganz zurückkommt, aber ich bin guter Hoffnung.“ Nach dem Transport im Rettungshubschrauber wird Dinkel von den Handchirurgen operiert. Unterarm und Handgelenk sind mehrfach gebrochen, Sehnen abgerissen. Durch die massiven Weichteilverletzungen ist zudem so viel Druck auf dem Gewebe, dass die Wunde zunächst offen bleiben muss. „Das zu sehen, hat mich umgehauen. Aber ich wurde mit Schmerzmitteln gut eingestellt.“


Alles muss neu gelernt werden

Schon am zweiten Tag nach der OP geht es mit der Reha los: „Die Gelenke müssen möglichst früh bewegt werden, damit sie nicht steif werden und die Gleitfähigkeit der Sehnen erhalten bleibt“, sagt Physiotherapeutin Natascha Weihs, die das Handtherapie-Team leitet. Bei einer Hand-Reha geht es nicht nur um Stabilität und Funktion, sondern auch um Koordination, Geschicklichkeit, Sensibilität und das Zusammenspiel von Auge und Hand. Anfangs konnte sie Dinkels Arm aufgrund der Schmerzen gar nicht berühren. „Jetzt, wo die Knochenheilung abgeschlossen ist, können wir so richtig einsteigen und uns ans Fine Tuning machen.“


Fine Tuning bedeutet in erster Linie Beweglichkeits- und Sensibilitätstraining. Täglich nach dem Frühstück geht es los mit Physio- und Ergotherapie: von der Lymphdrainage übers Türmchenbauen mit Schaumstoffklötzchen, Korbflechten und Basteln bis hin zu Werkbänken, die an die Arbeit mit Werkzeug und Maschinen heranführen. Aber auch ganz Alltägliches wie der Umgang mit Knöpfen, Schuhe binden, Brötchen schneiden, Gläser aufmachen muss neu erlernt werden. „Nur wenige Kliniken in Deutschland sind auf diese hochkomplexe Behandlung spezialisiert“, so Weihs.

Nicht der erste Arbeitsunfall

Dinkels „Stundenplan“ geht bis vier Uhr nachmittags. Doch die Arbeit lohnt sich. Vorletzte Woche konnte er zum ersten Mal ein bisschen greifen – ein Meilenstein. Dass solche Erfolge nicht selbstverständlich sind, weiß er aus leidvoller Erfahrung. Denn 2017 hatte er schon einmal einen Arbeitsunfall: Damals hatte ihn ein Sandsteinquader überrollt, sein Unterarm war sechsfach gebrochen und wurde zunächst in einer anderen Klinik versorgt. Mit der Reha wollte es dort nicht so recht vorangehen, sodass Dinkel schließlich nach Bad Neustadt verlegt wurde. Deshalb wollte er diesmal unbedingt gleich hierher.


Obwohl die Behandlung noch lange nicht abgeschlossen ist, darf Dinkel jetzt für sechs Wochen nach Hause. Dort wartet seine Frau auf ihn – mit Hühnern, Enten, Gänsen, Nandus und einem Hund, die der gelernte Zimmermann und hobbymäßige Jäger hält. Damit es mit der Hand weiter bergauf geht, wird er auch zu Hause täglich eine Stunde Ergo- und zwei Stunden Physiotherapie machen. Weihs ist zuversichtlich, dass die Funktion der Hand in großen Teilen zurückkommen wird. „Nicht wie neu, aber gut gebraucht“, sagt sie mit einem Lächeln. Allerdings wird das noch ein Weilchen dauern. Etwa ein Jahr, schätzt sie.

Hoch gesteckte Ziele

Ziel ist es, die Berufsfähigkeit wieder zu erreichen oder, wenn das nicht geht, Alternativen zu finden. Einmal war Dinkel schon wieder in der Firma und hat die Maschine, die ihn verletzt hat, aus der Ferne gesehen. „Das war schon ein komisches Gefühl.“ Anfangs hatte er Flashbacks und Albträume, ist schweißgebadet aufgewacht. „Viele Patienten haben nach einem solchen Unfall ein posttraumatisches Belastungssyndrom“, sagt Weihs. Deswegen ist auch eine begleitende Psychotherapie Bestandteil der Reha, die interdisziplinär aufgestellt ist. „Mir haben die Gespräche gut geholfen“, so Dinkel.


Auch wenn die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz momentan noch schwer erscheint – einen Schreibtischjob kann er sich so gar nicht vorstellen. „Ich muss an der frischen Luft arbeiten.“ Seine Ziele hat er sich im wahrsten Sinne des Wortes hoch gesteckt: „Mein Hob-

by sind schwierige Baumfällungen, bei denen ich auf 15 Metern Höhe mit der Motorsäge arbeite. Die will ich auf jeden Fall wieder machen. Und dafür brauche ich Kraft in der linken Hand.“